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„… ein wahrhaft patriotisches Werk der österreichischen Geschichtsforschung...“

„… ein wahrhaft patriotisches Werk der österreichischen Geschichtsforschung…“

Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813-1858) Tagebücher 1839-1858

Die Tagebücher Viktor von Andrians wurden nach Vorarbeiten von Marianne Zörner (Innsbruck) vom Sekretär der Kommission, Franz Adlgasser, ediert und kommentiert. Die umfangreiche Edition (etwa 1.800 Manuskriptseiten plus über 100 Seiten eines kommentierten Personenregisters) ging im Sommer 2010 in Druck und ist im Frühjahr 2011 als Band 98 der “Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs” unter dem Titel Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg, “Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste”. Tagebücher 1839-1858 in drei Teilbänden erschienen. (Externer LinkWebseite. Bitte beachten Sie, dass die Edition der Tagebücher dem Open Access Policy des FWF entsprechend vom Verlag Böhlau als freie Download angeboten wird. Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich für das Entgegenkommen!)

Viktor von Andrian führte über den Großteil seines erwachsenen Lebens Tagebuch. Erhalten sind 16 Bände, die den Zeitraum vom Oktober 1839 bis zum März 1858, sieben Monate vor seinem Tod, umfassen. Sie sind ein einzigartiges Dokument, das Politisches mit Privatem, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verknüpft und Einblick gibt in die Lebens- und Gedankenwelt eines politisch aktiven Österreichers vom Vormärz über die Revolution von 1848 und deren Niederschlagung bis zur Etablierung des neoabsolutistischen Systems und dessen sich abzeichnenden Niedergang.

Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg ist vor allem als Autor der bedeutendsten Programmschrift der ständischen Opposition des späten Vormärz, der anonym erschienenen Schrift “Österreich und dessen Zukunft” (Erster Teil 1842, Zweiter Teil 1847) bekannt. Während diese Arbeit in der modernen Betrachtung durchaus differenziert und keineswegs als umstürzlerische und liberale Kampfschrift gesehen wird, polarisierte sie seit ihrer Erstveröffentlichung und bis weit in die Zeit des Neoabsolutismus hinein ungemein. Der kaiserliche Hof betrachtete Andrian als Renegaten, während das liberale Bürgertum ihn in die Frankfurter Nationalversammlung entsandte und posthum durch die Widmung eines Ehrengrabs am Wiener Zentralfriedhof auf einen Heldensockel stellte.

Viktor von Andrian war jedoch weit mehr als nur der Autor von Reformschriften. Er selbst sah sich als verkanntes Genie, das es in der Hand gehabt hätte, die Gesellschaft aus der Unterdrückung und dem Stillstand des Vormärz und dem Chaos der Revolution in eine bessere Zukunft zu führen.

Nach Privatunterricht und der Absolvierung der juridisch-politischen Studien an der Wiener Universität trat Viktor von Andrian 1833 in den österreichischen Staatsdienst ein und arbeitete zunächst in verschiedenen Behörden in den italienischen Gebieten. In diese italienische Zeit fällt auch die Abfassung und Veröffentlichung des ersten Teils von “Österreich und dessen Zukunft”. 1844 wechselte er in die Wiener Zentralbehörden. 1847 endete die Beamtenkarriere, nachdem seine Autorschaft von “Österreich und dessen Zukunft” bekannt geworden war.

Nun intensivierte Andrian seine Kontakte zur ständischen Opposition in Österreich und Ungarn und wurde auch verstärkt publizistisch aktiv. Die Märzrevolution 1848 schuf ihm schließlich eine neue, politische Bühne. Er kam als Vertreter des Wahlkreises Wiener Neustadt in die Frankfurter Nationalversammlung und wurde am 31. Mai 1848 zum Vizepräsidenten gewählt, was er bis 31. Juli blieb. Am 10. August erfolgte seine Ernennung zum Gesandten der Provisorischen Deutschen Zentralgewalt in London, wo er bis Mitte Jänner 1849 die neue deutsche Regierung vertrat. Nach seinem Rücktritt nahm er noch an einigen Sitzungen der Nationalversammlung teil, hatte sich jedoch schon längst von den Ideen und Zielen dieses Parlaments verabschiedet und verließ Frankfurt am 10. März 1849 ohne Absicht, dahin als Abgeordneter zurückzukehren. Damit endete auch Andrians Tätigkeit als aktiver Politiker, nicht jedoch seine Aktivitäten als Politikberater, Kommentator und Publizist.

Bis zur Niederlage der Revolution war Andrian mehrfach als Kandidat für hohe und höchste österreichische Staatsämter bis hin zum Außenminister genannt worden. Das sich etablierende neoabsolutistische System griff zwar zunächst auf ihn als Mitglied mehrerer beratender Kommissionen zurück, mehr und mehr erwies sich jedoch seine vormärzliche Tätigkeit als Hindernis für eine offizielle Funktion. Besonders der Kaiserhof ließ ihn seine Ablehnung spüren. Dies zeigte sich erstmals, als ihm Ende März 1849 eine Audienz beim Kaiser verweigert wurde, und gipfelte im Verbot der Ausübung der Kämmererwürde Ende 1853. Erst kurz vor seinem Tod erreichte Andrian im Mai 1858 die Aufhebung dieser Maßregel.

In seinen letzten Lebensjahren fand Andrian den Weg zurück in eine öffentliche Tätigkeit. Nachdem zunächst mehrere Versuche, sich im Journalismus zu etablieren, fehlgeschlagen waren, nahm er 1855 das Angebot des Finanzministers Frh. von Bruck an, als Vermittler bei der Anbahnung der Finanzierung der Eisenbahnlinie von Wien zur bayerischen Grenze zu arbeiten. Daraus entwickelte sich Andrians Wahl in den Verwaltungsrat der “Kaiserin Elisabeth-Westbahn” und der “Actien-Gesellschaft der lombardisch-venetianischen Eisenbahnen”, einer der Vorgängergesellschaften der Südbahn. Andrian sah seine Rolle in diesen Gesellschaften als Hüter des öffentlichen Wohls und betrachtete diese Funktionen – ebenso wie seine publizistischen Aktivitäten – zugleich als Sprungbrett zurück in “das politische, recte das administrative Feld.”

Viktor von Andrian starb überraschend am 25. November 1858 als angesehener Verwaltungsrat und rehabilitierter kaiserlicher Kämmerer. Wenige Monate später läutete der verlorene Krieg von 1859 das Ende des österreichischen Neoabsolutismus ein.

Viktor von Andrian sah sein Leben in einer Reflexion Anfang 1853 so: “Ich hoffe zu leben, und will leben, bis mein Tagewerk gethan ist. Etwas habe ich gethan, unnütz, verloren ist mein Leben selbst dann, wenn es heute abgeschlossen würde, nicht gewesen, ich habe Samen gestreut und bin als ein Gedenkzeichen künftiger Tage unter den Gedankenlosen herumgegangen, und ich begegne nicht selten den Spuren meiner Tritte, aber deßwegen habe ich lange noch nicht meine Aufgabe erfüllt.” Müßig ist es zu spekulieren, ob es ihm möglich gewesen wäre, seine selbstgestellte Aufgabe als Reformator und Retter Österreichs unter den geänderten Bedingungen der neuen konstitutionellen Epoche der 1860er Jahre zu erfüllen. In Erinnerung blieb Viktor von Andrian dagegen in weiten Kreisen nicht als Politiker und Reformer, sondern als Autor von “Österreich und dessen Zukunft”.

Trotz aller Fehlschläge war Viktor von Andrian am Ende seines Lebens mit dem Verlauf seiner persönlichen Entwicklung zufrieden: “Schlechtes, Gemeines habe ich Gottlob mir nie vorzuwerfen gehabt.”

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