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„… ein wahrhaft patriotisches Werk der österreichischen Geschichtsforschung...“

„… ein wahrhaft patriotisches Werk der österreichischen Geschichtsforschung…“

Die Thun-Hohenstein’sche Bildungsreform im Kaisertum Österreich auf der Grundlage der Korrespondenz von Graf Leo Thun-Hohenstein aus der Ministerzeit 1849-1860

„das Schulwesen aber ist, und bleibet allzeit ein Politikum“
Kaiserin Maria Theresia, Hofdekret vom 13. Oktober 1770

Die politische Bedeutung von Bildung und Universitäten zeigte sich im besonderen auch im neoabsolutistischen Österreich. Der Anspruch des Staates auf die alleinige Gestaltung des gesamten Bildungsbereiches kollidierte dabei mit den Interessen anderer gesellschaftlicher Kräfte, so etwa der Stände und der katholischen Kirche. Zwischen den zentralen Polen Staat und Kirche einerseits, staatlichen Modernisierungsbestrebungen und gesellschaftlichen Beharrungstendenzen andererseits standen im 19. Jahrhundert die Universitäten und ihr Versuch, die Freiheit von politischer und religiöser Instrumentalisierung, kurz die Lehr- und Lernfreiheit, zu erlangen, die zu den maßgeblichen Forderungen der Bewegung von 1848 zählte.

Durch die enge Verbindung von Wissenschaft und „liberaler“ Bildung wurde ein fundamentaler gesellschaftlicher Transformationsprozess in der Habsburgermonarchie eingeleitet. Die Reformen der Gymnasien und Universitäten während der Amtszeit von Leo Graf Thun-Hohenstein als Minister für Cultus und Unterricht (1849-1860) stellten für den gesamten Raum der Monarchie entscheidende bildungs- und wissenschaftspolitische Weichen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Zugleich steht die Amtszeit Thun-Hohensteins aber auch für das – diesem liberalen Zug des Neoabsolutismus widersprechende – Konkordat (1855), wodurch der katholischen Kirche maßgeblicher Einfluss auf das primäre Bildungssystem der Volksschule gewährt wurde.

So präsentiert sich die Ära Thun-Hohenstein als janusgesichtiges Phänomen: Sie legte die Grundlagen der modernen Universität und des höheren Bildungssystems, jedoch mit einer klaren Verankerung innerhalb der Glaubensgrundsätze und des Wertesystems der katholischen Kirche. Sie war dem ständisch-konservativen Grundsatz von „Volkserweckung“, was für den Raum der Habsburgermonarchie durchaus mit „nationaler“ Emanzipation gleichzusetzen war, verpflichtet, wurzelte aber in Analogie zum großen Vorbild der Humboldtschen Universität zutiefst im „deutschen“ und bildungsbürgerlichen Denken.

Der Reiz der Thun’schen Reformen liegt in dieser Widersprüchlichkeit. Die Vision, Glaube und Wissenschaft trotz, ja gerade auf Grund der nötigen Anforderungen an eine moderne kritische Wissenschaft verbinden und die Kräfte von „Volk“ und „geistiger Elite“ trotz, ja gerade wegen der scheinbar unlösbaren Konfliktlinien miteinander versöhnen zu können, liegt dem Reformwerk Thun-Hohensteins und seiner Mitstreiter zugrunde. Es war, wie sich nach der Demission des Ministers 1860 herausstellen sollte, ein Versuch, der von seinen Grundprämissen her als gescheitert zu bezeichnen ist. Dennoch blieb das Thun’sche Reformwerk von grundlegender Bedeutung für die österreichische Bildungs- und Wissenschaftslandschaft bis in die Zeit der Massenuniversität des späten 20. Jahrhunderts.

Das Projekt der Edition des Nachlasses von Graf Leo Thun-Hohenstein hat eine beinahe achtzigjährige Vorgeschichte. Die Kommission für Neuere Geschichte Österreichs begann bereits 1931 mit den Arbeiten an einer Edition der Korrespondenzen und Denkschriften von Graf Leo Thun-Hohenstein als Teil einer geplanten Monographie über seine Ministerjahre. Das Projekt wurde in der Folge jedoch mehrfach unterbrochen und am Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich eingestellt.

2003 wurden die Arbeiten unter Prof. Brigitte Mazohl neu begonnen, wobei auf die im Besitz der Kommission sich befindlichen Materialien des ersten Projekts zurückgegriffen werden konnte. Diese Arbeiten wurden 2003-2005 vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert. Im Mittelpunkt dieser ersten Phase standen Sichtung und Sicherung des vorhandenen Quellenbestandes und die Erstellung von Regesten sowie die Erfassung der Korrespondenzpartner sowie eine intensive Literaturrecherche und deren Rezeption.

Der Nachlass Leo Thun-Hohenstein im tschechischen Staatsarchiv in Děčín/Tetschen besteht aus etwa 3.000 Briefen und anderen Dokumenten. Der die Ministerzeit umfassende Bestand enthält überwiegend Briefe an Thun-Hohenstein sowie Denkschriften und Niederschriften des Ministers und umfasst mehrere tausend Seiten. Unter den mehr als 200 Korrespondenzpartnern finden sich etwa fünfzig Universitätsprofessoren aus Österreich und Deutschland und zahlreiche hochrangige katholische und evangelische Geistliche. Der Bestand umfasst überwiegend Schriftstücke, die den Minister als Adressaten haben, während Konzepte bzw. Abschriften von Briefen Thuns in der Minderzahl sind. Aufgabe des Projekts ist es daher auch, die Schreiben Thuns an seine Korrespondenten zu erfassen und zu bearbeiten. So finden sich in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek neben Briefen an Friedrich Halm und Heinrich Laube Schreiben an den Philologen Theodor Georg von Karajan und an Thuns maßgeblichen Mitarbeiter Franz Exner. Gleichfalls befinden sich Briefe Thuns an den Wiener Erzbischof und Kardinal Josef Othmar von Rauscher in dessen Nachlass im Diözesanarchiv Wien. Weitere relevante Bestände befinden sich in Archiven in Prag, Krakau und Wrocław, zu erwarten sind auch Ergebnisse in deutschen, ungarischen und italienischen Archiven.

Die Edition lässt entscheidende neue Erkenntnisse zur Bildungspolitik Österreichs im 19. Jahrhundert und ihre Einbettung in die internationale Entwicklung erwarten. Die Auswertung der Materialien im Nachlass Thun sowie die Erschließung der Gegenstücke und der Quellen des Unterrichtsministeriums in Wien und deren Abgleichung mit den Ergebnissen der bisherigen Forschung bieten die Möglichkeit, bisherige auf eingeschränkter Quellenbasis beruhende sowie historisch weitgehend politisch-ideologisch motivierte Urteile zu korrigieren und entscheidende Forschungslücken zu schließen. So lassen sich sowohl die Reformen zur Neuorientierung und Umgestaltung der österreichischen Universitäten als auch die Personalpolitik Thuns und ihre Auswirkungen auf den Bildungsstandort Österreich nachvollziehen. Nicht zuletzt bieten die Materialien die Möglichkeit einer quellengestützten Neubeurteilung der Persönlichkeit des Ministers Graf Leo Thun-Hohenstein jenseits der Vorgaben der ideologischen Grabenkämpfe des 19. und 20. Jahrhunderts, die wegen seines entscheidenden persönlichen Einflusses auf Planung, Zielsetzung und Durchführung der Reformen unbedingt notwendig erscheint.

Das Ziel des Projekts ist die systematische Erfassung des Nachlasses Thun und der zu erschließenden Gegenkorrespondenz. Aus diesem Material soll eine kommentierte Teiledition publiziert werden. Parallel dazu soll eine quellengestützte Monographie die Person und Tätigkeit Thuns darstellen, in die nationale und internationale Forschung einbinden und die neuen Erkenntnisse des Projekts präsentieren. Zusätzlich sollen sämtliche Dokumente in digitalisierter Form aufbereitet und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dabei wird eine intensive Kooperation mit in- und ausländischen KollegInnen und Forschungsprojekten angestrebt.

Ergebnisse des Projektes werden laufend auf der Homepage Die Korrespondenz von Leo von Thun-Hohenstein präsentiert.

Durch die Genehmigung eines Forschungsprojekts durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ist die Weiterführung und Finanzierung des Projekts bis 2013 gesichert.

MitarbeiterInnen: Dr. Tanja Kraler; Dr. Christof Aichner; Lic. phil. Christian Eugster

Kontakt: Dr. Christof Aichner